Kann man Dankbarkeit erzwingen?

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Foto: ArtsyBee – Pixabay

Vor ein paar Tagen traf ich Jenny mal wieder. Über Jenny habe ich in meinem letzten Blogbeitrag berichtet.  Wir wollten uns ein bisschen über unsere derzeitige Situation austauschen. Doch noch bevor wir in dem Café am Marktplatz, in dem wir uns meistens treffen, weil es so leckeren Kuchen hat, irgendetwas bestellen konnten, platzte Jenny schon mit der Frage heraus: „Sag mal, kann man Dankbarkeit eigentlich erzwingen?“ „Wieso“, fragte ich zurück.

„Na ja, neulich traf ich Margot und die erzählte mir, dass der Sohn ihrer besten Freundin gerade sechzehn Jahre alt geworden ist. Sein Patenonkel aus Australien schickte ihm so ein tolles Geschenk, doch als seine Mutter in dazu bringen wollte, Danke zu sagen, sagte er schlicht und ergreifend: „Ne, hab jetzt keinen Bock.“ Dabei wäre es so einfach gewesen, wenn er seinem Onkel eben mal schnell eine Facebook-Nachricht geschickt hätte.“

Dann erzählte Margot ganz empört: „Stell dir mal vor, er hat auch nicht seinen Großvater angerufen, der ihm Geld geschenkt hat, damit er im Sommer einen Trip in die USA machen kann. Dann hat Margot doch tatsächlich gesagt: ‚Also, Dankbarkeit gehört einfach zum guten Ton. Wenn man sich für solche Geschenke nicht bedankt, ist man einfach schlecht erzogen. Da muss man sich einfach zu zwingen.‘ “

Genau darüber regte Jenny sich auf: „Also, ich wusste nicht, dass Margot so spießig ist. Dankbarkeit erzwingen, also ob das geht.“

„Wie hättest du es denn gemacht?“ Meine Frage überraschte Jenny etwas. Sie hatte sich darüber noch gar keine Gedanken gemacht. „Ach…, ich…, hm…ich kann es einfach nicht leiden, wenn irgendein Mensch meint, dass ich mich zu irgendetwas zwingen muss. Das geht gerade noch, wenn mein Chef kommt und meint, dass ich wieder einen Artikel über irgendeine blöde Karnevalssitzung schreiben muss. Dann muss ich mich zwingen, weil es zu meinem Job gehört. Aber sich zwingen, Danke zu sagen?“

Zwischendurch kam die Kellnerin und wir bestellten beide unseren Cappuccino und unser Stück Zitronensahne-Torte, das wir in diesem Café immer aßen,weil es so außerordentlich gut war.  Doch Jenny wurde immer aufgeregter: „Nun sag doch auch mal was.“

„Tja also, du hast meine Frage noch immer nicht beantwortet oder verstehe ich das richtig, dass du es in Ordnung findest, sich nicht für Geschenke zu bedanken?“ „Ja, ich denke schon,“ warf sie kurz ein, bevor sie sich wieder über Margot aufregte: „Und stell dir mal vor, dann hat Margot noch gesagt, man muss überhaupt dankbar sein. Man muss dankbar sein für das Leben, sogar wenn es einem schlecht geht, sollte man dankbar sein, weil man etwas aus dieser Situation lernen kann. Die spinnt doch, das ist so ’ne richtige Dankbarkeitsfanatikerin.“

Inzwischen kam die Kellnerin mit der Torte und dem Cappuccino, doch Jenny rührte ihr Stück gar nicht an. Sie war immer noch so aufgeregt wegen Margot, die zu allem ja, Danke zu sagen schien.   Ich dagegen ließ es mir schmecken und überlegte, während ich genüßlich den Kuchen auf der Zunge zergehen ließ, was ich Jenny antworten sollte.

Jenny deutete mein Schweigen falsch: „Ja, da fällt dir wohl auch nichts zu ein, oder?“ „Moment, iss doch erst mal deine Torte.“ Atme einfach mal tief durch und lass diese Margot mal für fünf Minuten los“, sagte ich zu ihr.

Als wir unsere Torte  gegessen hatten, sagte ich zu Jenny: Ich möchte meine Antwort gerne in eine Geschichte verpacken, die in meiner Kindheit immer erzählt wurde.

Die Geschichte vom König, der keine Dankbarkeit empfinden konnte

Es war einmal ein König, der lebte gut in einem prächtigen Schloss in einem fernen Land. Er musste nicht arbeiten, denn er forderte regelmäßig von seinem Volk Steuern ein. Und wehe, jemand konnte diese Steuern nicht zahlen, derjenige wurde in den Hungerturm gesperrt, solange, bis die Familie das Geld irgendwie aufgetrieben hatte. Für den König war es selbstverständlich, dass das Volk Steuern zahlte, schließlich war er der Herrscher und konnte alles bestimmen.

Eines Tages kam eine wunderschöne junge Frau auf das Schloss des Königs und sagte: „Was tust du, um deinem Volk zu zeigen, wie dankbar du dafür bist, dass es dir Geld schenkt,  das dir dein Schloss, deine Ländereien und deine Diener finanziert? Hast du deinem Volk jemals gezeigt, wie dankbar du dafür bist?“

„Nein“, antwortete der König. „Wieso soll ich das auch.“ Das ist doch wohl selbstverständlich, dass ich als Herrscher von meinem Volk Geld bekomme, schließlich bin ich derjenige, der hier bestimmt, wie es geht. Ich stamme nun mal aus einer uralten Herrscherfamilie, die schon immer über dieses Land geherrscht hat.“ „Unglück wird über dich kommen“, sprach die Frau, bevor sie im Nebel verschwand, der die Morgensonne umhüllte.

Nun gab es im Nachbarland einen König, der seinem Volk viele Freiheiten ließ. Er verlangte keine Steuern, sondern fragte jeden, wie viel er bereit wäre zu zahlen und schenkte den Menschen dafür im Austausch Wohnung und Ländereien, denn auch ihm gehörte das gesamte Land. Und so bekam jeder so viel Land, wie ihm zustand, gemäß seiner Zahlungen. Außerdem lud der König sein Volk einmal im Jahr zu einem Fest auf seinem Schloss ein, um sich dafür zu bedanken, dass die Gemeinschaft in dem Land so gut funktionierte und das Volk war glücklich mit seinem König.

Nun beschloss das Volk im Land des strengen Königs, der keine Dankbarkeit kannte, sich zusammenzutun und  ins Nachbarland auszuwandern. Eines Morgens waren alle weg. Sie hatten einen günstigen Augenblick gesucht, um über die Grenze zu kommen.

Zunächst merkte der strenge König gar nicht, dass niemand mehr in seinem Land war, denn er verließ sein Schloss fast nie. Doch irgendwann kam sein Berater und sagte, dass es merkwürdig still überall wäre und auch niemand mehr seine Steuern vorbeibrachte. Der König tobte vor Wut und wollte seine Armee ins Land hinaus schicken, um das Geld einzutreiben, doch auch seine Soldaten waren verschwunden. Der einzige, der ihm geblieben war, war sein treuer Berater. „Danke, dass du bei mir geblieben bist“, sagte der König. Es war das erste Mal, dass er Dankbarkeit für irgendetwas in seinem Leben empfand.

Schon bald hatte der König nichts mehr zu Essen und sein Schloss verschwand fast hinter dem verwilderten Garten. Es waren ein paar Wochen vergangen und der König tobte jetzt nicht mehr vor Wut, denn er war ganz schwach geworden, weil er so lange nichts mehr gegessen hatte und weinte viel.

Eines Tages stand die junge, bildhübsche Frau, die er ein paar Wochen zuvor abgewiesen hatte, wieder vor dem Schlosstor. Diesmal ließ der König sie hinein. „Ich habe dir etwas mitgebracht“, sagte sie und nahm aus ihrem Rucksack ein großes goldenes Herz. „Dieses Herz wird dir helfen, deinen Kummer zu heilen und Dankbarkeit zu empfinden, denn wirkliche Dankbarkeit kommt aus dem Herzen.“ Der König nahm das Herz in die Hand und legte es sich auf die Brust. Er spürte, wie alle Strenge von ihm abfiel und wie er eine große Dankbarkeit dafür spürte, dass die Frau den Mut gehabt hatte, noch mal zu ihm aufs Schloss zu kommen und ihm half, sein Herz zu heilen und Dankbarkeit zu empfinden.

„Sag meinem Volk Bescheid, ich werde ein Fest mit ihm feiern und ich werde die strengen Steuergesetze ändern“, rief der König seinem Berater zu. Doch dann hörte er es:  Vor dem Schloss spielte ein Orchester und alle, die zuvor in seinem Land gewohnt hatten, waren wieder zurückgekommen und als sie hörten, dass sich ihr König geändert hatte, wollten sie mit ihm feiern.

Dieser Tag ging als Tag der Dankbarkeit in die Geschichte des Landes ein und wurde jedes Jahr gefeiert. Und wenn der König irgendwann einmal keine Dankbarkeit für etwas empfand, dann nahm er das goldene Herz, dass die junge Frau ihm geschenkt hatte in die Hand, und konzentrierte sich innerlich auf sein Herz.

© 2011 – Copyright by Anne-Kerstin Busch

About the Author Anne

Mein Name ist Anne-Kerstin Busch. Ich bin Intuitiver Coach, Schreib-Coach & Spezialistin für ein Leben und Arbeiten im Einklang mit dem Höheren Selbst. Bei mir bekommst du smarte Tipps, wie du deine Einzigartigkeit leben und deine Träume verwirklichen kannst. Meine Tipps spiegeln meine Lebenserfahrung wider, spirituelle Themen, Selbstverwirklichung, meine Erfahrung mit dem Schreiben und Veröffentlichen, mit Social Media, Bloggen und mehr.

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